Propaganda: Wunsch und Wirklichkeit

Der russischen Propaganda zufolge berichten Überlebende aus Mariupol, daß an 85 Prozent der Zerstörung ihrer Stadt die Asow-Kämpfer schuld seien.

Das würden die „aus den umkämpften Städten des Donbass gerettete Menschen“ berichten.
Sie würden „die städtische Regierung und Nationalisten in der ukrainischen Armee für Elend, Tod und Zerstörung verantwortlich“ machen – so der Versuch der Schuldumkehr nach dem Prinzip „Haltet den Dieb“.

Die Verteidiger der Stadt sind also schuld daran, daß die von Rußland unterstützten Separatisten und Rußlands Armee ihre Stadt in Schutt und Asche legen.

Wie eine tibetanische Gebetsmühle wird von Putin und seinem Außenminister Lawrow die Phrase von der „Befreiung der Ukraine von Nazis“ gedrechselt.
Im Visier ist dabei besonders das ukrainische Asow-Regiment, das in die rechtsextremistische Ecke verortet wird und ihre Wurzeln in der ukrainischen Befreiungsbewegung gegen Polen in den 30er Jahren hat.
Ihr Symbol „Wolfsangel“ (hier ein „Z“ mit Querstrich) wurde in offensichtlich gestellten Bildern als Nazi-Nachweis zum Hakenkreuz verfälscht.
Interessanter Weise haben die Separatisten ebenfalls eine Wolfsangel als Symbol, allerdings als „Z“ ohne Querstrich.
Die Asow-Anhänger leben noch in der Erinnerung der Befreiung der Ukraine von der Sowjetherrschaft durch die Wehrmacht im 2. Weltkrieg.
Damals wurden die ersten deutschen Soldaten mit Salz und Brot begrüßt.
Man hat dort weder den „Holodomor“ vergessen, mit der Stalin in der Ukraine eine Hungersnot in den 1930er Jahren inszenierte und der zwischen drei bis sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen, noch die Grausamkeiten mit „Säuberungen“ bei der Rückeroberung der Ukraine durch die russische Soldateska im 2. Weltkrieg.
Dies dürfte auch der Hintergrund dafür sein, weshalb man sich heute besonders hilfesuchend an Deutschland wendet.

Als im russischen Fernsehen zur besten Sendezeit die mutige Marina Owsjannikowa, eine Journalistin des russischen Fernsehens, das TV-Studio stürmte und während der Live-Sendung ein Plakat gegen den Krieg in der Ukraine gezeigt hatte, produzierte die russische Propaganda eine ähnliche Szene und verbreitete sie auf Twitter als angeblichen Auftritt im ukrainischen Fernsehen.
Auf ihrem Plakat stand der Text „Selinskij kapituliere, nimm keine Drogen mehr und kehre auf die Bühne zurück.“
Man suche diese Aktion in unserer Presse vergebens, wurde der leicht als Fake erkennbare Streifen kommentiert, der natürlich in russophilen Kreisen schnell seine Runden machte.

Tatsächlich scheint Putin aber wohl doch mehr Probleme mit seinem Blitzkrieg zu haben, als er es sich träumen ließ.
Nicht einmal die Minderheit der russischstämmigen Bewohner der von seinen angeblichen Anhängern ausgerufenen ostukrainischen Republiken stehen hinter ihm als „Befreier“ – sie fühlen sich so wenig von der Ukraine unterdückt, wie die deutschstämmigen Elsässer von Frankreich.
Hinzu kommt, daß die russische Elite begonnen hat, sich von Präsident Wladimir Putin zu distanzieren.
So spricht die Aussage des stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedewf ür sich, Putin sei der alleinige Initiator des Krieges gegen die Ukraine.
Er betont, daß die Entscheidung eine schwere „Spezialoperation“, nämlich Krieg, gegen die Ukraine durchzuführen, der auch Angriffe auf friedliche Städte beinhaltete, einseitig von Putin beschlossen wurde.
Auch berichteten russischen Medien, daß der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu seit dem 11. März nicht mehr in der Öffentlichkeit auftrat und wunderten sich über dessen „Verschwinden“.
Angeblich sei er wegen der „Spezialoperation“ zu sehr beschäftigt, wird offiziell dazu erklärt.
Weil nicht gänzlich verschwiegen werden kann, wie es in Rußland gegen Putin rumort, mußte die russische Auslandspropaganda unterdessen im Sinne eines Einzefalles das Häppchen verbreiten, daß 12 russische Sonderpolizisten nach Weigerung, in der Ukraine zu kämpfen, „angeblich“ gekündigt worden sei.
Damit möchte man gleichzeitig als objektive Berichterstatter von seinen Anhängern auch weiterhin ernst genommen werden.
So heißt es, der Menschenrechtsaktivist Pawel Tschikow habe mitgeteilt, daß mehrere Mitglieder der russischen Sonderpolizei OMON sich geweigert haben „sollen“, in die Ukraine zu fahren, um dort an Kriegshandlungen teilzunehmen.
Sie seien Anfang Februar bei Militärübungen auf der Krim gewesen und hätten am 25. Februar den Befehl verweigert, die Grenze zur Ukraine zu überqueren.
Außerdem seien sie über die Teilnahme an der Militäroperation und deren Aufgaben nicht aufgeklärt worden.

Die ukrainische Gegenseite erklärt hingegen, 6.100 Soldaten, 561 Panzer, 115 Kampfflugzeuge seien bislang die Verluste der russischen Truppen.
Außerdem wurden auch 561 Kampfpanzer, 115 Flugzeuge, 125 Hubschrauber, 1625 Panzerfahrzeuge, 291 Kanonen, 90 Raketenwerfer, 49 Flugabwehrsysteme, 1089 Fahrzeuge, 72 Tankwagen, 53 taktische Drohnen, 5 Schiffe/Boote und 53 Stück „spezieller Technik“ zerstört.
Gemeldet wurde auch, daß im Hafen von Berdjansk am 24. März das große Landungsschiff „Saratow“ der russischen Schwarzmeerflotte zerstört worden sei.
Außerdem seien im Asowschen Einsatzgebiet auch zwei ähnliche Kriegsschiffe „Cäsar Kunikow“ und „Nowotscherkassk“ beschädigt.
Verbreitet wird zudem der mögliche Trugschluß, die Ukraine habe bereits gesiegt.
Man habe in den „letzten sieben Tagen des heldenhaften Widerstands der Ukraine“ nicht nur „die kühnen Pläne des besessenen Kreml-Herrschers vereitelt“.
Der ukrainische Präsidenten Selenskyj habe es geschafft, die ukrainische Nation innerhalb weniger Stunden zu mobilisieren.
Die jahrelange, von Russland inspirierte Spaltung der ukrainischen Gesellschaft sei überwunden.

Unterdessen hat Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, Wladimir Putin aufgefordert, einen „ehrenvollen Abzug“ aus der Ukraine zu machen.
Daß der russische Blitzsieg nicht wie erwartet eintrifft, bereitet Erdogan offenbar die Sorge um sein Trumpf-Ass gegen die Abhängigkeit von den USA.
Auch ihm ist bewußt, daß sich Putin in der Klemme befindet, wenn dessen Feldzug zum Mißerfolg wird.
Putin müsse daher „der Architekt des ersten Schrittes sein, der zum Frieden getan werden muss“.
Zugleich unterstrich der türkische Präsident, keine Sanktionen gegen Russland verhängen zu wollen.

An der unerwartet wirkungsvollen Gegenwehr der Ukrainer ist offensichtlich der Multimilliardär und Tesla-Chef Elon Musk nicht unbeteiligt.
Dessen Starlink-Satelliten sind nicht nur als Verbindung der ukrainischen Bürger zur Außenwelt hilfreich, sondern auch dafür, daß das ukrainische Millitär seine Waffen punktgenau auf russische Ziele lenken kann.
Musk hatte Putin nach dessen Einmarsch in die Ukrauine per Tweet persönlich mit den Worten „Mann gegen Mann, der Einsatz ist die Ukraine“ zum Einlenken herausgefordert, was Putin nicht scherte.
Zu seinem Firmenimperium gehört bekannter Weise auch das Raumfahrt-Unternehmen SpaceX.
Dieses hat zu Beginn der russischen Invasion auf Bitte der ukrainischen Regierung das bedrohte Land mit einer satellitenbasierten Internetverbindung ausgestattet.
Musk betreibt den Satelliten-Internetdienst Starlink und stattete auch sofort die Ukraine containerweise mit für den Betrieb nötigen Empfangsanlagen aus.
Damit ist die Ukraine von Diensten anderer Betreiber von Newmedia-Kanälen frei und unabhängig.
Auch Selenskyi nutzt Starlink für seine Auftritte bis in die westlichen Parlamente, aber macht ihn auch für seine Bürger unabhängig von möglichen Zerstörungen der ukrainischen Fernseh- und Radiosender durch Putins Truppen.
Parellel dazu kann die ukrainische Armee die Musk-Technologie für Drohnen-Einsätze und die Luftaufklärung nutzen, was vor allem die Erfolge gegen russische Panzer und Stellungen hilfreich ist.

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